10. November 2025 - Predigt zu Lk 6,27-38

Predigt zu Lk 6,27-38

Predigt zu Lk 6,27-38

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und
unserem Herrn Jesus Christus.

Amen

Liebe Gemeinde,

In einem Vortrag mit dem Militärseelsorger Schröder sahen
wir im Konvent auf einen gefährlichen Satz:
Si vis pacem, para bellum. Wenn du Frieden willst, dann
bereite den Krieg vor.
Und dazu den scheinbar so realistisch gebotenen Ausspruch
von Bundesverteidigungsminister Pistorius: Deutschland muss
kriegstüchtig werden.
Da vermengen sich Ebenen. Und deren emotionaler
Sprengstoff zündet gründlich.
Ich muss unterscheiden, ob ich von einer Bundeswehr spreche,
deren Zustand katastrophal ist und was man dagegen tun kann.
Oder von einer Art Wettrüsten mit dem gehetzten Blick auf
mögliche Angriffe und Bedrohungen.
Die Bundeswehr, wenn es sie denn geben soll, muss ganz
sachlich nach den Parametern ihrer Arbeit „funktionieren“.
Mit funktionieren meine ich, dass sie zu ihren Einsätzen
technisch und professionell in der Lage ist. So wie die Polizei
oder auch das Schul- und das Gesundheitssystem. Und überall
gibt es in diesen Bereichen große Defizite.
Darüber hinaus auf die „Armee“ zu schauen und sie
gedanklich in einer kriegerischen Auseinandersetzung zu
sehen mit klar definierten Feindbildern, das steht auf einem
andern Blatt. Das schwingt aber sofort mit, wenn von

Kriegstüchtigkeit die Rede ist. Ein Wort, das sich selbst
widerspricht.
Der Treiber zu dieser emotionalen Debatte ist der beste, den es
gibt: Angst. Angst um das, was wir haben. Um unsere
Sicherheit. Um unser Leben.
Doch bevor ich den allzu lauten Stimmen folge, die meinen,
einen Krieg mit möglichst vielen Waffen verhindern zu
müssen, sollte die Sicherung des Friedens mindestens genauso
laut gehört und ausgesprochen werden. Und das tun wir heute.
Liebe Gemeinde, gibt es irgendeinen Gottesdienst, der den
Krieg zum Thema hat? Ich denke nicht. Aber den Frieden
erhoffen, bedenken und besingen wir immer wieder in jedem
Gottesdienst.
Denn das ist unser Thema als christlicher Teil unserer
Gesellschaft.
Wir stehen damit im verbalen und inhaltlichen Erbe von Jesus.
Und das ist auch das Thema der Bergpredigt, seiner zentralen
Rede. Wir haben sie in Auszügen im Evangelium gehört.
Jesus warnt. Er warnt uns, uns treiben zu lassen. Den
sogenannten Starken nachzurennen und keinen Anker mehr zu
haben für meine Haltung und meine Gedanken.
Er plädiert auch nicht nur dafür, uns einfach in Ruhe zu lassen.
Er geht den übermenschlichen Schritt darüber hinaus. Er
spricht von der Stärke, das Gegenteil von Streit, Hass und
Feindschaft zu tun. Noch mehr zu investieren als man glaubt,
zu können.
Er legt den Hebel der Negativkräfte um, stemmt sich dagegen
mit seinen Worten und schaltet um. Auf Grün, auf aktive
Überwindung, auf inneres Plus, neudeutsch: auf Go!
Man kann das fast spüren, wenn er dazu Fahrt aufnimmt:

27 Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut
wohl denen, die euch hassen;
28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch
beleidigen.
29 Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die
andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem
verweigere auch den Rock nicht.
30 Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt,
von dem fordere es nicht zurück.
31 Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut
ihnen auch!
Mit anderen Worten: wenn ich mit und von den Leuten
Frieden will, dann muss ich Frieden geben. Und nicht den
Krieg vorbereiten. Es gibt kein Alternative dazu. Nur Frieden
erzeugt und hält Frieden. Die Waffenruhe ist der erste Schritt
dazu.
Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor, dieser Satz
setzt die falschen Signale. Er müsste lauten: Si vis pacem,
augmenta viris: Wenn du den Frieden willst, verstärke seine
Kräfte.
Eine Friedenstüchtigkeit, dazu ruft uns Jesus auf. Und er tut
das umfassend. Denn der beste Schutz vor Krieg ist, den Krieg
aktiv zu verhindern.
Das zeigen uns die Vergangenheit und die Gegenwart: Jeder
Gewaltausbruch hat eine Vorgeschichte. Da ist viel
schiefgelaufen und zusammengekommen, um die Hemmung
vor Gewalt niedrigschwellig zu machen und schließlich zu
übertreten:
aus Missgunst, Hass, falschen Bildern, Meinungsmissbrauch
und blinder Wut. Und es gibt immer welche, die das steuern,
befördern und schließlich nutzen.
Der Allgemeinheit nützt der Frieden aber viel mehr.

Dem Menschen liegt die Hemmung vor Gewalt genetisch
näher, als ihre Übertretung.
Und Jesus zeigt uns, wie das geht: Aber ich sage euch, die ihr
zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;
segnet, die euch verfluchen;
Wenn ein Bruchteil davon gelingt, dann sind wir auf dem
besseren Weg.
Und wie schwer ist das. Denn die Logik der Kriegstüchtigen
ist groß. Und ihr Gewinn daran noch viel mehr.
Menschen aus der Gewaltspirale zu befreien, ist eine immense
Aufgabe. Sie sind trainiert auf das, was andere wollen. Sie
sind konditioniert auf das kämpfen und bekämpfen,
gedanklich und körperlich. Sie sind oft ohne alternative
Möglichkeiten. Denn dem zivilen Leben fehlen die
Perspektiven, das Geld und oft das blanke Überleben. Ich
denke an Kindersoldaten, an Menschen in
Terrororganisationen, an Menschen in Zeltstädten, in
Armutsvierteln usw. Es regiert der Überlebens- und
Machtkampf und für den Frieden scheint es keine Chance zu
geben.
Wer trotzdem davon spricht, gilt als naiv und als
unrealistischer Träumer.
Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl
denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen;
Wer einmal dabei war in den Schrecken und Grauen des
Krieges, der will nur noch weg. Will, dass das aufhört und
trägt einen Schaden mit sich fort, den er ein Leben lang nicht
mehr los wird.
Mein Bruder ist Reserveunteroffizier der Bundeswehr im
Sanitätsbereich. In seiner Ausbildung war er auch eine Zeit in

der Eliteeinheit KSK. In einer Übung mit scharfer Munition
löste sich aus Unachtsamkeit beim Geländemarsch in der
Truppenreihe ein Schuss. Er traf den Vordermann tödlich.
Einfach so. Nichts mehr war zu retten oder zu helfen. Kurze
Zeit später war er im Auslandseinsatz in Afghanistan.
Die wenigen Sätze, die er davon erzählte, endeten mit den
Worte: das muss aufhören! Heute arbeitet er im
Gesundheitswesen.
Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl
denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen;
Wo mit Waffen umgegangen wird, sterben Menschen.
Deswegen schmiedet der Prophet Micha die Schwerter zu
Pflugscharen. Und macht die Menschen damit ebenso
friedenstüchtig, weil das viel mehr mit Leben und
Lebenserhaltung zu tun hat. Gegen alle Rhetorik, die
Menschen verführt, ihren Instinkten nicht mehr zu vertrauen.
Unser 1. Instinkt ist der: zu leben.
Es ist nicht egal, zu spät oder überflüssig, liebe Gemeinde.
Wir sollen und müssen weiter vom Frieden sprechen und das
tun, was wir machen können, um ihn zu erhalten und seine
Kräfte zu verstärken.
Und was ist das, was wir machen können?
Ich denke, es gibt Möglichkeiten. 3 fallen mir zunächst ein.
Ihnen und euch sicherlich noch mehr:
1. Jederzeit vom Frieden zu sprechen
2. Jederzeit, um Frieden zu bitten und
3. Sich jederzeit im Frieden zu üben, wo immer er gefährdet
ist. Angefangen in unseren ganz persönlichen
Lebensverhältnissen. Und wie schön ist es, wenn es
gelingt.

Wie in dieser kleinen Begebenheit:
Der berühmte Clown Grock erhält eins Tages einen Brief, der
voll ist falschen Behauptungen und schlimmen
Beschuldigungen. Seine Freunde raten ihm, den Absender des
Briefes sofort und ohne Gnade öffentlich zu verklagen.
„Ich möchte das anders regeln“, erwidert der Clown. Er
schickt den Brief zurück an den Absender und schreibt dazu:
Diesen unverschämten Brief habe ich bekommen. Ich schicke
ihn an Sie, damit Sie wissen, dass irgendjemand in Ihrem
Namen beleidigende Briefe verschickt. Mit freundlichen
Grüßen, Ihr Clown Grock.
Wenn das alles scheinbar nichts hilft, weil uns die Welt die
Gesetze des Unfriedens vorführt, dann gibt es nach und hinter
all diesem Unfrieden noch Gottes Shalom. Ein Frieden, der
tief in jeder Seele wohnt und uns als Menschen um den
Globus herum verbindet: die Sehnsucht, in Frieden leben zu
können.
Wenn Gottes Shalom vollständig ist, erfüllt er den ganzen
Menschen. So zum Frieden zu kommen, ihn zu finden und ihn
dauerhaft zu spüren, das ist für mich eine Beschreibung von
Ewigkeit. Dieser Frieden ist uns garantiert. Denn es ist Gottes
Frieden.
Und der Shalom Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

Predigtlied: 420